Bitte überfordern Sie Ihren Welpen nicht!

Viele Welpenbesitzer sind der Meinung, ihr neuer Hausgenosse bräuchte Unterhaltung, Bespaßung und abwechslungsreichstes Programm rund um die Uhr.

Sobald der Welpe sein neues Zuhause bezogen hat, kommen ganze Hundertschaften zum Begrüßungsbesuch, werden lange Spaziergänge gemacht, geht es mit dem Bus in die Stadt, in die nächste Gaststätte, in den Zoo, in die Hundeschule.

In den ersten Tagen erreichen den Züchter Telefonanrufe voller Stolz, wie gut der kleine Hund sich überall benommen hat, wie ruhig er unter dem Tisch gelegen und geschlafen hat, wie problemlos er das alles mitgemacht hat.

Ein paar Wochen später klingen die Mitteilungen am Telefon dann plötzlich anders; der junge Hund ist hibbelig, er ist unruhig und aufmüpfig, er wäre nicht ausgelastet. Dabei hat man doch versucht, ihm sein Leben so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Die Spaziergänge werden noch länger, das Programm noch umfangreicher. Aber es hilft nicht. Der Halter fragt nach: Liegt die Unrast womöglich am Futter? Oder etwa am Züchter??

Nein! Es liegt am Halter selbst.

Der kleine Hund ist nicht unterfordert, sondern permanent überfordert. Sein noch unreifes Gehirn kann die geballte Flut an Eindrücken überhaupt nicht verarbeiten, sondern ist ständig unter Hochspannung. Der Hund kann nicht abschalten und kommt nicht zur Ruhe. Von der körperlichen Überforderung des unfertigen Welpenkörpers mal ganz zu schweigen...

Das Ergebnis ist ein unruhiger, hibbeliger, später vielleicht sogar überängstlicher Hund oder gar ein Angstbeißer.

 Für einen Welpen in seinen ersten Lebensmonaten sind nur folgende Dinge wichtig: Ruhe, Bindung und Vertrauensaufbau.

Spaziergänge außerhalb des eigenen Grundstückes sind nicht zur Unterhaltung da, sondern um den Welpen an „die Welt da draußen“, an fremde Dinge und Umweltreize zu gewöhnen. Und das möglichst behutsam und nur in kleinen Dosen.

Als Faustregel für Spaziergänge gilt: 1x täglich 1 Minute pro Lebenswoche; das bedeutet: ein 10 Wochen alter Hund darf 10 Minuten pro Tag spazierengehen, ein 12 Wochen alter Hund 12 Minuten usw.

Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, aber wenn man berücksichtigt, dass der Welpe täglich im Haus und auf dem eigenen Grundstück läuft, spielt und herumtollt, ist das vollkommen ausreichend.

 

So machen wir es:

Zunächst darf der Hund sich bei uns in Ruhe eingewöhnen. Der Welpe wurde aus seiner gewohnten Umgebung, von Mutter, Geschwistern und Ziehmutter entfernt und hat mit diesem Schreck genug zu tun.

Also wird bei uns zunächst nichts anderes gemacht als gefressen, viel geschlafen, gespielt und gekuschelt; dabei wird gleichzeitig darauf geachtet, dass unser Alltag weiterhin so normal wie üblich abläuft, damit der Hund von Anfang an lernt, wie der Haushalt, in dem er die nächsten Jahre leben wird, normalerweise funktioniert.

Auch das Futter, das wir vom Züchter mitbekommen haben, verändern wir erst einmal nicht. Das kennt der Hund und muss nicht auch hier eine Umstellung mitmachen.

Kleines und großes Geschäft soll der Welpe möglichst draußen erledigen, und zu diesem Zweck muss er von Anfang an den Garten betreten. Sobald er den Garten auch freiwillig betreten möchte, darf er dort nach eigenem Gutdünken alles erkunden und seinen Radius täglich selber immer weiter ausweiten. Dass wir bereits vor dem Einzug alles, was nicht welpentauglich ist, entfernt und den Zugang zu allen gefährlichen Stellen (Treppen, offene Ausgänge, scharfe Kanten u.ä.) versperrt haben, versteht sich dabei von selbst.

Bis zur Wiederholungsimpfung etwa in der dritten Woche nach seinem Einzug ist der Kontakt zu fremden Hunden tabu. Impfgegner mögen das anders sehen, wir aber halten uns strikt daran.

Auch der Besuch einer Hundeschule ist in diesen ersten drei bis vier Wochen nicht erforderlich. Wir nutzen diese Zeit, um die Bindung zwischen uns und dem Hund aufzubauen und zu festigen. Wir erkunden gemeinsam das eigene Grundstück und üben die ersten Kommandos. Der Hund lernt, dass wir die Chefs sind und dass er jederzeit zu uns kommen soll und kommen darf.

Etwa eine Woche nach der Wiederholungsimpfung beginnen wir, mit dem Hund die Welt vor der eigenen Haustür zu erkunden. Jetzt macht sich bereits bezahlt, dass wir die ersten Wochen intensiv darauf verwendet haben, unsere Bindung herzustellen und zu festigen. Der Hund vertraut uns bereits und ist bereit, mit uns neue Abenteuer in der Fremde zu bestehen.

Bedenken hinsichtlich seiner Verträglichkeit gegenüber anderen Hunden haben wir nicht; die vier Wochen ohne Kontakt zu Artgenossen haben aus einem gesunden Welpen kein sozial unverträgliches Wesen gemacht.

 Die Erkundung der näheren Umgebung erfolgt 1x täglich streng nach der Faustregel „pro Spaziergang 1 Minute je Lebenswoche“ und wird allmählich ausgebaut. Zeigt unser Hund ein selbstsicheres und vertrauensvolles Verhalten, können wir bald unseren Radius erweitern und mit ihm nach und nach, wohldosiert, Dinge unternehmen wie Einmal zur Sparkasse und zurück, Besuch beim Nachbarn, Spielen mit anderen Hunden und Ähnliches. Wir vermeiden jedoch Reizüberflutung; jeden Tag ein neues Highlight ist zu viel, überfordert den jungen Hund und kann ihn nervös, hibbelig, ängstlich oder gar aggressiv machen.

 

Dies ist unsere Sicht auf die ersten Wochen eines Hundes. Wir haben fünf Große Schweizer Sennenhunde mit fünf unterschiedlichen Charakteren auf diese Weise großgezogen und dabei unsere Vorgehensweise jeweils dem Charakter des einzelnen Hundes angepasst. Das heißt, bei dem einen konnten wir z.B. schneller und robuster die Dinge angehen als bei dem anderen. Wichtig war immer, den jeweiligen Hund genau zu beobachten und zu lesen, wie er tickt, um danach den Umgang mit ihm anzupassen.

Unser Fritz zum Beispiel mochte zu Anfang nur sehr ungern das eigene Grundstück verlassen. Wir sind darauf eingegangen und haben ihn zu nichts gezwungen. So lernte er den Wald eben ein paar Tage später kennen als sein Vorgänger.

Unsere Tante Hedwig dagegen war von Anfang an zu jedem Ausflug in die nähere und weitere Umgebung bereit, notfalls auch alleine. Sie haben wir frühzeitig gebremst; die Befehle „raus da“ und „hierher“ lernte sie bereits sehr früh.

Aus allen unseren Hunden sind Große Schweizer Sennenhunde geworden, wie sie sein sollen: ruhig, gelassen, furchtlos in Alltagssituationen, selbstsicher und souverän.