Der GSS ist kein Jäger

Der GSS ist kein Jäger.

Das kann man in den Rassebeschreibungen lesen.
Was bedeutet überhaupt „Jäger“ bzw. "jagen" in diesem Zusammenhang?
Jagen ist das Hetzen, Stellen und Töten von Beutetieren.
Wolf und Hund sind Fleischfresser und müssen deshalb natürlich ihre Beute hetzen, stellen und töten, um sich zu ernähren. Das steht außer Frage.
Aber in den Jahrtausenden des Zusammenlebens von Mensch und Hund hat der Mensch den Hund domestiziert und aus der Urform unterschiedlichste Rassen mit jeweils ganz spezifischen Eigenschaften herausgezüchtet.
Jagdhunde zum Beispiel. Diese sind jedoch, anders als der Name vermuten lässt, keine Jäger. Es sind ausnahmslos Spezialisten, die in der Hand eines Fachmannes ihre jeweilige Fähigkeit perfekt einsetzen. Der Stöberhund stöbert das Wild auf, jagt es aber nicht; der Vorstehhund zeigt Wild an, jagt es aber nicht; der Schweißhund sucht verletztes Wild auf, jagt es aber nicht, usw.
Der Jagdhund zeigt seinem Halter das Wild an, lässt sich aber jederzeit abrufen.
Ein Jagdhund, der eigenmächtig Wild jagen würde, ist für seinen Halter nutzlos und nicht tragbar.
So verhält es sich auch mit dem Großen Schweizer.
Er ist als Hofhund gezüchtet worden. Als Hofhund muss er reviertreu, geflügelfromm und ohne Jagdtrieb sein, sonst ist er für seine Aufgabe nicht geeignet. Hunde, die diesen Anforderungen nicht entsprachen, wurden früher ausgemustert (um es mal vornehm auszudrücken). Kein Hofbesitzer kann sich einen Hund leisten, der auf Wanderschaft geht, die Zahl der eigenen Hühner dezimiert und den Wald zum Selbstbedienungsladen erklärt.
Hinzu kommt, dass ein Großer Schweizer ein schwerer Hund ist, der weder den Körperbau noch die Ausdauer zum Jagen hat.
Ein GSS, der tatsächlich jagt, also Wild hetzt, stellt und tötet, ist nicht rassetypisch!
Ein rassetypischer GSS läuft allenfalls - als junger Hund, noch nicht erzogen oder noch sehr verspielt - einem Vogel, der vor ihm auffliegt, oder einem Stück Wild, das seinen Weg kreuzt, hinterher. Aber das ist kein Jagen im eigentlichen Sinne. Das ist jugendlicher Bewegungsdrang bzw. Neugier.
Hier ist es natürlich die Aufgabe des Halters, das in die richtigen Bahnen zu lenken, damit der Jungspund lernt, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist, auch wenn er nur eine kurze Strecke dabei zurücklegt.
Ich hatte bzw. habe Große Schweizer, die alle unterschiedliche Temperamente haben. Wenn vor unseren Augen ein Sprung Rehe, ein Karnickel oder ein Eichhörnchen den Weg kreuzte, habe ich bisher Reaktionen erlebt von „ich seh nix“ (Fritz) über „seh ich, aber interessiert mich nicht“ (beide Tanten) bis hin zu „ach, interessant, aber doof, krieg ich ja eh nicht“ (Lutz).
Auch meine Laufenten wurden von keinem meiner Hunde je verfolgt oder gar gefährdet, obwohl ich das richtige Verhalten gegenüber meinem Federvieh mit den Hunden nie großartig geübt habe. Dabei sind gerade die wegflitzenden Laufenten für einen Hund sehr verlockend. Bei allen hat bisher ein einziges scharfes "Lass das" im Welpenalter ausgereicht.
Ich glaube nicht, dass ich rasseUNtypische Große Schweizer hatte bzw. habe.
Deshalb stimme ich nach wie vor der Aussage in der Rassebeschreibung zu:
Der GSS ist kein Jäger.