Die kleine Adelgunde

Die kleine Adelgunde steht im Windfang unserer Haustür und soll zum ersten Mal in ihrem jungen Leben ohne fremde Hilfe die drei Stufen nach unten überwinden.
Sie traut sich nicht und widersteht allen Leckerlis und sonstigen Verlockungen.
Schließlich hake ich die Leine von Adelgundes Halsband ab und gehe mit Leine, aber ohne Adelgunde, die Einfahrt ein kurzes Stück hoch. Dann bleibe ich stehen und rufe.
Zuerst sieht man nichts. Dann kommt langsam ein Schnäuzchen aus dem Windfang hervor, das Näschen witternd in die Abendluft gehoben, die Barthaare zittern.
Nach einiger Zeit erscheint auch ein Pfötchen, erst zögernd in die Höhe gehalten, dann vorsichtig auf der ersten Treppenstufe abgesetzt.
Als auch das zweite Pfötchen die erste Treppenstufe erreicht hat, muss zunächst einmal die bronzene Echse, die dort sitzt, eingehend untersucht werden. Diese ist aber offensichtlich ungefährlich und an einer näheren Kontaktaufnahme nicht interessiert, so dass der weitere Weg in Angriff genommen werden kann.
Da auf einer Stufe nicht alle Pfoten gleichzeitig Platz finden, ist Adelgunde gezwungen, ihre Vorderpfötchen weiter nach unten zu bewegen und auf die zweite Stufe zu setzen.
Als sie auf mein erneutes Rufen den Kopf wendet und mich sieht, geht es plötzlich ganz schnell. Mutig nimmt sie die letzte Stufe, springt mit fliegenden Ohren die Einfahrt hoch und empfängt freudig ein Leckerli aus meiner Hand.
(Dass es sich hierbei um einen Bruchteil dessen handelt, was sie zum Abendessen auch ohne eigenes Bemühen in ihrem Napf findet, weiß sie nicht. Noch nicht.)
Ich nehme sie an die Leine, und wir machen uns zu einem schönen Abendspaziergang auf.
Auf unserem Weg schaut Adelgunde immer wieder aufmerksam zu mir hoch. Ich habe das Gefühl, sie ist stolz, dass sie die Treppe ganz alleine gemeistert hat und dass sie schon so brav an der Leine gehen kann.
Ich freue mich und lobe sie. Liebevoll erinnere ich mich an einen kleinen Rüden, und ich muss denken: Ganz wie ihr Papa!